Mein Feind, das Telefon

Ich weiß nicht wie verbreitet dieses Problem ist. Ich kenne einige die sagen: Ja, früher hatte ich es auch, aber durch die Arbeit ist das nicht mehr so. Manche behandeln mich auch, als wäre ich dumm, weil ich diese Ängste hege, weswegen ich es nicht gerne zugebe.

Ich habe Todesangst vor dem Telefonieren!

Ich kann es schwer erklären, was das Problem ist. Jemanden unbekanntes ist aber eine extreme Überwindung für mich. Es braucht Vorbereitung, um das zu tun. Ich muss mir ein Termin festmachen, wann ich anrufe. Tag und Uhrzeit. Ich recherchiere vorher alles was ich wissen muss, ich kann es mir nämlich nicht leisten das jemand zu dem Zeitpunkt nicht da ist, so dass ich nochmal anrufen muss. Ich schreibe mir vorher auf, was ich will und was ich fragen muss. Und dann kommt der Tag. Ich schaue ständig auf die Uhr und werde unruhig. Ich werde traurig, unruhig, unkonzentriert, je näher der selbst gesetzte Termin heran rückt und dann… rufe ich an. Ich höre das Freizeichen und spüre den Kloß. Ich bete in diesem Moment zu Gott und hoffe, dass das andere Ende unbeantwortet bleibt und mein Anliegen sich genau jetzt in Wohlgefallen auflöst. Aber dass passiert nicht. Jemand meldet sich und redet mit mir, ich trage mein Problem vor… und nicht schlimmes geschieht.

Trotzdem ist mir nach jedem Telefonat zum Heulen zu mute. Ich hasse mich für meine Angst, für meine Sorgen und auch dafür, dass ich so lange gebraucht habe diese kleine Telefonat zu machen. Es dauert etwa einen halben Tag, bis ich mich von diesem Gespräch erholt habe, länger wenn mein Gesprächspartner (etwa eine Sprechstundenhilfe beim Arzt) unfreundlich war. Ich dachte früher, wenn ich mehr Selbstbewusstsein habe, dann wird sich das Problem mit dem Telefonieren bessern. Wenn ich weniger schüchtern bin, dann läuft alles, auch das Telefonieren. Heute, einige Jahre später bin ich immer noch schüchtern. Ich gehe gerne ungern als erstes in ein Geschäft oder Restaurant und ähnliches. Aber es hat sich auch gebessert. Ich habe kein Problem Benutzern Fragen zu beantworten wenn sie mich ansprechen, ich kann mittlerweile sogar SmallTalk und scherze mit Kollegen, die ich gerade zum ersten Mal gesehen habe. Ich lerne Praktikanten an und blödele gerne herum. Alles Dinge, die ich mir früher nicht vorstellen konnte… nur Telefonieren, das möchte ich am liebsten einfach abschaffen. Für immer.

Warum kann ich nicht einfach einen Arzt-Termin per Email machen:

„Hey, Onkel Doc. Brauche neue Medis, lass mal das Rezept rüberwachsen. btw. Ich muss mal wieder bei euch vorbei checken wegen so ner abgefuckten Kontrolle. Am besten extrem früh oder spät am Abend, weil du weißt ja, alle Socke, ich arbeite. Bin Mitte Juli in Urlaub, also da kann ich nit. Freue mich bald von deiner Sprechstundencheckerin was zu hören!“

Bei vielen Arztpraxen geht das eigentlich schon, trotzdem komme ich mir zu dumm vor. Lieber gehe ich extra dort vorbei und warte eine halbe Stunde oder länger um die Rezepte mit zunehmen, anstatt mir sonst irgendwie Zeit zu sparen. Ich will ja auch nicht zugeben, das Telefonieren für mich ein Problem ist. Wie gesagt, die verbreitete Bevölkerung hält mich für dumm. Sie tun so als wäre meine „Soziale Phobie“ eine Erfindung und kein Problem. Als wäre ihr unangenehmes Gefühl mit meiner irrationalen Angst vergleichbar. Ich weiß das es irrational ist, bis jetzt ist mir am Telefon noch nie etwas Schlimmes passiert, aber… ich habe sie trotzdem.

Das extremste Beispiel ist aktuell. Ich sollte ein Termin für eine weiterführende Untersuchung bei einem anderen Arzt machen. Letztes Jahr Juli bekam ich den Befund. Das sollte geschehen sein, bis zu meinem neuen Termin beim Arzt im Oktober. Ich schaffte es in der Zeit nicht, den Termin zu machen. Mal vergessen, mal ging es mir nicht gut und noch dazu war ich im Dauerstress, weil ich mit Urlaubs- und Krankheitsvertretung beschäftigt war. Reine Ausrede, aber die Zeit ging auch einfach viel zu schnell rum. Nee, heute rufst du nicht an, dir gehts nicht so gut. Mach das morgen. Mach das nächste Woche. Oh ich hab was vor, nee, mach es doch dann in 2 Tagen. Immer wieder verschob ich es und bum, kam der Termin beim regulären Arzt und die Frage nach meiner Untersuchung. Ja, sorry… hab’s nicht hingekriegt.
Alles okay, kann passieren. Alles neu ausgedruckt und dann: „Aber diesmal versprechen sie mir, dass sie gleich den Termin machen. Am besten gehen sie sofort da vorbei.“ Mira verspricht und bricht natürlich das Versprechen. Seitdem gehe ich auch meinen anderen Arzt aus dem Weg, weil ich nicht wieder zugeben will was los ist.

Heute habe ich endlich geschafft den Termin zu machen, es war kein Problem. Die Frau war sehr nett, aber gerade könnte ich wieder heulen. Jetzt muss ich bei meinem Arzt auch noch einen Termin machen und dort gestehen was los ist und das alles nur, weil ich Angst habe zu Telefonieren.

Ich weiß eigentlich, dass ich klüger sein sollte, erwachsener und vor allem vernünftiger. Ich weiß doch welche Folgen das verzögern hat, das Ausweichen und Verleugnen. Aber mir fehlt einfach die Kraft gegen mich selbst zu kämpfen und ich hasse es. Ich will auch eigentlich von euch, meinen lieben Lesern, kein Mitleid haben und auch keine Ratschläge. Mir hilft beides nicht, dass ist mir schon klar. Aber gerade hatte ich einfach das Bedürfnis alles herunter zu schreiben.

Auf der Arbeit habe ich das Problem auch, aber meistens schreibe ich Emails. Ich habe keinen eigenen Telefonanschluss und bin auch froh drum. Ich helfe gerne jedem am Telefon, aber selbst heraus zurufen, wenn ich Probleme habe. Die Hölle. Ich hab das Gefühl mich in einer Email auch besser ausdrücken zu können, aber wahrscheinlich ist das wie alles, eine reine Einbildung. Im Endeffekt hilft mir wahrscheinlich nur, wenn ich mich weiter dem Problem stelle. Jede Angst, jede Phobie ist heilbar auf irgendeine Art und Weise, aber nicht wenn man ihr weiter ausweicht. Die Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung, aber die Erkenntnis habe ich schon lange… nur bin ich leider seit dem keinen Schritt weiter gegangen. Wahrscheinlich deswegen dieser Text, nicht um Hilfe zu suchen, sondern sich selbst das Problem nochmal klar zu sagen.

Eure Freundin und Erzählerin ist gerade am Ende… und legt jetzt auf.

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